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Gedenken an Vergangenes

Gespeichert von admin am 15 März, 2010 - 03:05

Volkstrauertag, Totensonntag und 365 Tage im Jahr, an denen immer jemand an einen verstorbenen Menschen denkt. Erinnerungen sind von Kalenderdaten unabhängig, sie kommen wann sie wollen und bleiben manchmal weg, auch wenn wir sie dringend gebrauchen würden. Sie führen ihr Eigenleben und sind offensichtlich im hohen Maße selbständig.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für eine soziale Gemeinschaft, wie sie nun mal ein Volk und ein Staat sein wollen, diese undisziplinierten Erscheinungen mit Hilfe von festen Einrichtungen, z.B. Daten im Kalender, und mit Hilfe von Sprache, z.B. Pathos und magische Texte, die nicht verändert werden dürfen, zu disziplinieren.

Harvey Cox, der große US-Theologe, hat das alles als „die letzten spastischen Zuckungen eines verlöschenden Geistes“, beschrieben. Wir wollen jedoch das „spastische Gemurmel“ vergessen und kommen zurück zum Kern der Sache, und dieser Kern ist: „Erinnerung“.

Warum brauchen wir Erinnerung? Ganz einfach, weil wir leben! Leben jedoch ist immer auf die Zukunft hin ausgerichtet. Wir können nicht in die Vergangenheit hinein leben, auch wenn die Ewiggestrigen das mit aller Kraft versuchen.

Wir halten fest:
Leben und Zukunft sind identisch und nur zwei Begriffe für dieselbe Sache.

Weshalb nun aber Erinnerung? Odo Marquard hat das klar und eindeutig auf den Punkt gebracht: Zukunft braucht Herkunft!

Daraus ergibt sich, wer sich nicht mit der Herkunft beschäftigt, stolpert nur blind in die Zukunft und hat keine Orientierung –neudeutsch: keinen Plan - für die Zukunft, also für sein Leben.

Die historischen Wissenschaften zeigen uns mit aller notwendigen Klarheit, dass die Herkunft, also die Vergangenheit, keine feststehende Größe ist, nach der Devise, was geschehen ist, das ist passiert und damit nicht veränderbar, sondern die vergangene Geschichte wird immer erst „im Auge des Betrachters“ sichtbar und damit wirklich, oder auf Latein: real. Und jedes Betrachterauge fokussiert das ganze Erinnerungsbild immer anders. Die vielen geschichtlichen Überlieferungen aus unserer jüngsten Vergangenheit zeigen uns mit wünschenswerter Klarheit, dass es keine feststehenden und überall gültigen Sätze – vergleichbar der physikalischen Sätze – gibt. Über jeden geschehenen Vorgang kann heftig gestritten werden.

Auf einer hoch abstrakten Ebene gilt das natürlich auch für physikalische Sätze, aber das ist ein völlig anderes Thema, denn damit kämen wir in den Bereich der Sprachkritik und in die Fragen nach dem Erkennen der Welt. Wobei uns Wolfgang Prinz dringend rät: „Der kognitive Apparat ist gar nicht das, was sein Name suggeriert, ein Apparat zum Erkennen der Welt, sondern vielmehr ein Apparat zur optimalen Handlungssteuerung.“

Die unterschiedliche Fokussierung auf die vergangenen Ereignisse hat natürlich auch ganz konkrete Gründe. Die Fokussierung der Erinnerungen wird von den jeweiligen und ganz aktuellen Interessen des Betrachters geführt und geleitet, sowie von lange vergessenen uralten Motiven. Max Weber hat das sehr schön auf den Punkt gebracht mit seiner Auffassung, dass nicht Ideen – z: B. das Christentum, der Marxismus-Leninismus, der Kapitalismus oder der Sozialismus das Handeln der Menschen bestimmen, sondern ihre Interessen. Dabei sind die Interessen niemals eindeutig, sodass man an sie appellieren könnte, sondern sie haben wiederum ganz bestimmte und von Mensch zu Mensch unterschiedliche Hierarchien im Menschen entwickelt. Das herauszufinden ist eines der vordringlichsten Aufgaben jeder Psychotherapie.

Die aktuellen Interessen bestimmen also den jeweiligen Fokus. Wenn sich dieser Fokus auf Vergangenes richtet, sprechen wir von Erinnerung. Wenn dieser Fokus vom Mitleiden bestimmt wird, dann scheidet natürlich alles kapitalistische Denken oder auch nur das Nützlichkeitsdenken aus, welches ein Kaufmann sofort erkennen würde. Daraus ergibt sich die unterschiedliche Beurteilung eines Sachverhaltes.

Ein Bonmot dazu:
Ein Schuhfabrikant schickt einen Verkäufer in ein unerschlossenes Gebiet nach Afrika. Der Mann telegrafiert zurück: „Keine Chance. Keine Infrastruktur. Die Leute haben kein Geld und Schuhe sind für sie unbekannt.“ Er schickt einen anderen Verkäufer in denselben Stamm. Der telegrafiert zurück: „Keine Mitbewerber. Riesige Umsätze durch Monopolstellung möglich und durch flankierende Maßnahmen wie Schaffung von Infrastruktur und Geldverkehr. Sehr große und einmalige Chance für unseren Betrieb!“ Der Sachverhalt ist derselbe und unverändert. Er ist zugleich objektiv undefinierbar, weil jeder immer nur mit Hilfe seines eigenen Fokus definiert. Der Sachverhalt, also auch die Erinnerung liegt im Auge des Betrachters.

Weil nun das Auge des Betrachters keine statische, d.h. unveränderbare Größe ist, deshalb ist es völlig einsichtig, dass auch die Erinnerungen keine feststehenden Tatsachen hervorbringen können. Ihre Inhalte sind immer eingefärbt von den jeweils gültigen Motiven, also Interessen. Diese Interessen verändern sich von Fall zu Fall und von Jahr zu Jahr. Damit jedoch auch die Erinnerungen.

Am 17. Oktober 2009 zeigte der Hessische Rundfunk in der Serie „Die zehn Gebote“ den zweiten Film, „In Gottes Namen“, in dem Anna von ihren strenggläubigen Eltern in Gottes Namen misshandelt wird. Alles das ist Alltag bei vielen fundamentalistisch religiösen Menschen im Christentum, im Judentum wie im Islam. Problematisch wird der Film an dem Punkt, wo darauf hingewiesen wird, dass Anna 18 Jahre Therapieerfahrung hinter sich hat, bevor der Film gedreht wurde.

Diese Therapie hat dem Geschehen Sprache gegeben und Anna gelehrt, das Geschehen zu formulieren. Welches Motiv hat diese 18jährige Therapie gehabt? Was waren die aktuellen Interessen von Jahr zu Jahr bei Anna und bei den Therapeuten? Welche Sprache hat Anna dabei gelernt? Welche Entwicklung durchgemacht? Welche Neuformulierungen - also Erinnerungen - sind im Laufe der Therapiejahre entstanden und gewachsen?

Die Therapie erfolgte in einer religiös dominierten Klinik (Diakonisches Werk).

Die Sprache im Film ist eine christliche Sprache, welche den Begriff der Schuld in den Mittelpunkt stellt. Anna selbst lässt erkennen, dass sie diese christliche Sprache verinnerlicht hat und unter hilflosen Helfern hilflose Versuche macht, sich im Zuge der Verfestigung elterlicher Schuld neu zu stabilisieren.

Der Film lässt nicht erkennen, dass die Geschichte Anna`s tatsächlich dem alten christlichen Muster folgt, welches die Menschheitsgeschichte mit einem Sündenfall beginnen und dann die Menschen unter der Sünde leiden lässt. Jetzt endlich kommt die therapeutische Erlösung durch die Zuordnung der Schuld auf die Eltern und das Ausbekennen der Vorfälle. Nur die verstockten Eltern bleiben böse und weigern sich, das Spiel mitzumachen.

Weder Anna noch die Kommentatoren im Film mit allen Therapiehelfern haben wohl niemals darüber nachgedacht, dass die Feststellung von Schuld „der Fluch der bösen Tat ist, die fortzeugend Neues muss gebären.“ Oder anders ausgedrückt: Anna versucht im Film unter der hochgescheiten Assistenz der Therapeuten, den Ast ihrer Herkunft, auf dem sie lebenslang sitzt, abzusägen.

So etwas kann nur in einem religiösen Bezugsrahmen möglich sein, in dem durch einen Akt die Herkunft ausgelöscht werden soll. Das Leben selbst und die moderne Hirnforschung zeigen uns, dass so etwas nicht möglich ist.

Demgegenüber steht das Bekenntnis des großen amerikanischen Psychotherapeuten Milton Erickson: „Niemand ist zu alt, als dass er nicht eine schöne Kindheit gehabt haben kann!“

Erickson hat sich frei gemacht von dem christlichen (nur christlichen!) Motiv der Schuld. Er hat sich auf seine therapeutische Aufgabe besonnen und wusste sehr genau, dass jedes erinnernde Erzählen immer eine Neukonstruktion des Erzählgutes ist. 18 Jahre Neuformulierung eines Erzählgutes mit dem Ergebnis dieses Films ist eine unzumutbare Ungeheuerlichkeit für den Filmzuschauer.

In Annas Fall ist die jahrelange Neukonstruktion des Erzählgutes wohl aus dem Ruder gelaufen; denn die entscheidende Ungeheuerlichkeit, die sehr spät in das Erzählgut der Anna eingewandert ist, wird selbst von den verantwortlichen Filmleuten besonders vorsichtig, zögerlich und ohne Nachdruck dargestellt.

Es ist verständlich, dass ein Prozess unter diesen Umständen so laufen muss. 18 Jahre Therapiearbeit muss dynamisch verlaufen, weil sie sonst zu routinemäßiger Langweiligkeit führt. Die zur Verfügung stehende Sprache ist in Annas Fall christlich und damit auch wieder auf ein anachronistisches Weltbild eingeengt, welches aufgeklärte Köpfe schon im Neuen Testament – z.B. Gal. 5, 13 – 15 - zu durchbrechen suchten. Leider konnten sie sich nicht durchsetzen und entstanden ist gerade das Gegenteil mit seiner obersten Tugend, dem Gehorsam und seinen Äußerungen in Tradition und Ritus.

Wir halten fest:
Erinnern ist immer eine Neukonstruktion des Erinnerungsgutes. Diese sich immer wiederholende Neukonstruktion verändert bei entsprechender Motivation das Erinnerungsgut. Das Ziel muss die Zukunft sein und ein Erinnerungsgut, welches ein festes und konstruktives Fundament dieser Zukunft sein kann. Das allein kann richtige therapeutische Arbeit sein.

Nicht Anna ist die Ursache dieses schrecklichen Films, sondern Therapeuten, die ihr Handwerk nicht verstanden haben.

Hochachtungsvoll
Uwe Peters